Rei­se­män­gel: Deine Rechte bei Ärger im Urlaub ©timonko/Fotolia

5. August 2019, 11:38 Uhr

Rei­se­män­gel: Deine Rechte bei Ärger im Urlaub

Das Hotel ist überbucht? Das Zimmer voll Schimmel? Baumaschinen lärmen vor dem Balkon? Das alles kann die Urlaubsfreude gehörig trüben. Ein Lichtblick dabei: Anerkannte Reisemängel berechtigen dich als Pauschalreisenden grundsätzlich zur Minderung des Reisepreises, manchmal auch verbunden mit einer Entschädigung. Aber was genau gilt als Reisemangel? Und wie solltest du vorgehen, um dein Recht zu bekommen? Infos dazu findest du auf dieser Themenseite.

 

Inhalt

Definition: Was ist ein Reisemangel? >>

Flugverspätung und Co.: Wenn der Urlaub schon stressig anfängt >>

Häufige Ärgernisse im Urlaub: Reisemangel oder nicht? >>

Abhilfe, Ersatz, Kündigung: Deine Ansprüche bei Reisemängeln >>

Reisepreisminderung und Entschädigung bei Reisemängeln >>

Reisemangel geltend machen: So solltest du vorgehen >>

 

Definition: Was ist ein Reisemangel?

Ein Reisemangel liegt gemäß § 651i Absatz 2 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) vor,

  • wenn die tat­säch­li­chen Leis­tun­gen, die ein Urlauber auf einer gebuchten Reise erhält, von den vorher beschrie­be­nen oder schrift­lich zuge­si­cher­ten Leis­tun­gen abweichen
  • und dies für den Urlauber einen erheb­li­chen Nachteil bedeutet

Wichtige Einschränkung: Der Urlauber kann keinen Reisemangel geltend machen, wenn der Reiseveranstalter vor Reiseantritt ausdrücklich auf mögliche Einschränkungen hingewiesen hat – zum Beispiel auf eine Baustelle am Strand, wie 2016 das Amtsgericht München entschied.

Gut zu wissen: Von einem Reisemangel spricht man in rechtlicher Hinsicht nur bei Pauschalreisen, also Komplettpaketen etwa aus Flug und Hotel, die du bei einem einzigen Anbieter buchst. Diese Definition folgt dem seit Juli 2018 in Deutschland geltenden Pauschalreiserecht.

 

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Flug­ver­spä­tung und Co.: Wenn der Urlaub schon stressig anfängt

Flugverspätung auf dem Weg in den Urlaub? Das ist ärgerlich – aber jeder Passagier hat grundsätzlich Ansprüche gemäß der EU-Fluggastrechteverordnung, wenn sein Flieger innerhalb der Europäischen Union startet.

Beträgt die Flugverspätung mehr als drei Stunden, kannst du dich an deine Fluggesellschaft wenden. Denn dann steht dir in der Regel eine pauschale Entschädigung zu.

Gut zu wissen: Eine doppelte Entschädigung – nämlich vom Reiseveranstalter und von der Airline – ist nicht vorgesehen, wie ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von Juli 2019 bestätigt (AZ C-163/18). Im konkreten Fall ging es um einen komplett annullierten Flug im Rahmen einer Pauschalreise. Im August 2019 hat der Bundesgerichtshof (BGH) dies auch für Deutschland grundsätzlich festgestellt (AZ X ZR 128/18 und X ZR 165/18).

Trotzdem solltest du immer auch den Reiseveranstalter über Flugverspätungen und andere Unannehmlichkeiten rund um die Anreise informieren, denn zusätzlich zur Entschädigung für den verspäteten Flug können sich noch weitere Ersatzansprüche ergeben.

Fluggastrechte: Alles was du wissen musst

Fluggastrechte

Welche Rechte und Ansprüche du als Fluggast hast, erfährst du auf unserer Themenseite „Fluggastrechte“.

 

Ein Anspruch an den Reiseveranstalter entsteht zum Beispiel, wenn du am Ende deiner Pauschalreise wegen außergewöhnlicher Umstände nicht wie geplant nach Hause zurückbefördert werden kannst. In diesem Fall muss der Reiseveranstalter dir gemäß § 651i Absatz 3 Nummer 4 BGB für maximal drei Nächte eine Ersatzunterkunft zahlen.

 

Häufige Ärger­nis­se im Urlaub: Rei­se­man­gel oder nicht?

Auch wenn die Anreise reibungslos geklappt hat, können am Urlaubsort noch einige unangenehme Überraschungen auf dich warten – etwa Baulärm vor dem Balkon, Schimmel an der Zimmerwand oder ein komplett überbuchtes Hotel. Im konkreten Fall ist es gut zu wissen, ob das Ärgernis als Reisemangel gilt. Einige typische Fälle:

Hotel überbucht: Laut dem seit 2018 geltenden Pauschalreiserecht handelt es sich bei einer Überbuchung grundsätzlich um einen Reisemangel, aus dem Urlauber entsprechende Rechte ableiten können.

  • Auch wenn dein Rei­se­ver­an­stal­ter dir sofort eine gleich­wer­ti­ge Ersatz­un­ter­kunft in unmit­tel­ba­rer Nähe zur Verfügung stellt, hast du einen Anspruch auf Rei­se­preis­min­de­rung. Die fällt in der Regel höher aus, wenn die Unter­kunft von gerin­ge­rer Qualität ist als die eigent­lich gebuchte.
  • Verlierst du durch den Umzug in ein anderes Hotel wertvolle Erho­lungs­zeit, hast du dafür gege­be­nen­falls einen Anspruch auf zusätz­li­che Rei­se­preis­min­de­rung.
  • Wenn die Über­bu­chung schon vor Rei­se­an­tritt feststeht, muss dich der Rei­se­ver­an­stal­ter darüber infor­mie­ren.

EnEV 2014: Ein Rohbau mit Gerüst und Kran.

Baulärm: Das ist in vielen Fällen ein anerkannter Reisemangel – vorausgesetzt, du wurdest bei der Buchung nicht ausdrücklich darüber informiert. Wenn du von der lauten Baustelle vor deinem Hotelzimmer vor Reiseantritt nichts wusstest und nun um deine Erholung fürchtest, kannst du dich wehren – wie, verrät dir unser Ratgeber zum Thema Baulärm im Urlaub.


Schimmel im Hotelzimmer:
In der Regel ist sichtbarer Schimmelbefall ein Reisemangel, den du sofort dem Reiseveranstalter melden solltest.

Insekten und Ungeziefer: In wärmeren Klimazonen sind Kakerlaken und diverse Echsenarten schlicht landestypisch. Verirren sich einzelne ungefährliche Tiere in das Hotelzimmer, stellt das nach Auffassung der meisten Gerichte daher zwar eine Unannehmlichkeit dar, aber keinen Reisemangel. Anders liegt der Fall, wenn du beispielsweise von Bettwanzen gebissen wirst. Solche Beeinträchtigungen müssen Urlauber nicht hinnehmen, wie etwa das Amtsgericht Bad Homburg geurteilt hat (AZ 2 C 2428/96-18).

Krankheit im Urlaub: Im Urlaub krank zu werden, wünscht sich niemand. Ein Reisemangel ist das allerdings nur, wenn der Reiseveranstalter die Ursache für deine Erkrankung zu verantworten hat. Mehr dazu erfährst du in unserem Ratgeber zum Thema.

Pool nicht nutzbar: Grundsätzlich gilt für alle Einrichtungen des Urlaubshotels: Was im Katalog oder Reisevertrag zugesagt wurde, muss auch vorhanden und nutzbar sein. Sonst ist es ein Reisemangel.

Strand zu weit entfernt: Wenn dir die unmittelbare Nähe zum Strand wichtig ist, solltest du die Katalogbeschreibung bereits vor der Buchung Wort für Wort prüfen. Hier drücken sich Reiseveranstalter häufig vage aus – denn was sie nicht konkret zusichern, müssen sie auch nicht leisten.

Klassiker sind zum Beispiel Ausdrücke wie:

  • „Hotel in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Meer“ – das kann auch heißen: zum Hafen oder zu einer Steil­küs­te, nicht zwingend zum Bade­strand.
  • „Strand innerhalb von zehn Minuten zu erreichen“ – das kann auch heißen: mit dem Auto.

Je konkreter dir die Nähe zum Badestrand zugesichert wurde, umso eher hast du eine Chance, einen Reisemangel geltend zu machen, falls das nicht den Tatsachen entsprechen sollte. „Der Strand ist vom Hotel aus innerhalb von fünf Minuten fußläufig zu erreichen.“ ist schon eine relativ konkrete Angabe.

Kein Schnee trotz Schneegarantie im Skiurlaub: Das kann unter bestimmten Bedingungen bei einer Pauschalreise als Reisemangel gelten. Mehr dazu erfährst du hier.

 

Abhilfe, Ersatz, Kündigung: Deine Ansprüche bei Rei­se­män­geln

 

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Abhilfe: Wenn im Urlaub etwas nicht so läuft, wie du es erwartet hast, ist der erste Schritt: Melde dich bei deinem Reiseveranstalter und bitte ihn, Abhilfe zu schaffen. Dazu ist er gemäß § 651i Absatz 3 Nummer 1 BGB verpflichtet. Denn natürlich hast du einen Anspruch darauf, die Leistungen zu erhalten, die du auch gebucht hast.

Manche Mängel entstehen schnell, sind aber auch ebenso schnell behoben: Bei einer kaputten Klimaanlage im Hotelzimmer kann der Reiseveranstalter zum Beispiel auf deinen Hinweis hin einen Handwerker anfordern.

Wichtig dabei: Nicht im Stillen ärgern und auf Entschädigung hoffen, sondern den Schaden gleich melden und so dem Reiseveranstalter die Chance zum Nachbessern geben. Außerdem musst du zur Behebung des Mangels eine angemessene Frist setzen, es sei denn, es ist sofortiges Handeln geboten.

Übrigens: Falls der Reiseveranstalter nicht reagiert oder sofortiges Handeln geboten ist, hast du gemäß § 651i Absatz 3 Nummer 2 BGB das Recht, selbst Abhilfe zu schaffen und dir später die möglichen entstandenen Kosten vom Reiseveranstalter ersetzen zu lassen. Du solltest dabei allerdings abwägen und sicherheitshalber nicht zu weit in Vorleistung gehen.

Ersatzleistungen: Darauf hast du gemäß § 651i Absatz 3 Nummer 3 BGB zum Beispiel Anspruch, wenn keine Abhilfe möglich oder das Problem so gravierend ist, dass der Reiseveranstalter es nicht beheben (lassen) kann. Ist aber der angebotene Ersatz, zum Beispiel ein anderes Hotelzimmer, nicht gleichwertig, musst du das nicht akzeptieren und kannst zum Beispiel eine Reisepreisminderung verlangen – mehr dazu unten.

Vorzeitiger Urlaubsabbruch: Das Recht auf Kündigung deines Reisevertrags hast du gemäß § 651i Absatz 3 Nummer 5 BGB bei gravierenden Reisemängeln, sofern innerhalb der gesetzten Frist keine Abhilfe geschaffen wurde und du auch keine gleichwertige Ersatzleistung angeboten bekommst. Aber keine Sorge: Zurückbefördern muss der Reiseveranstalter dich trotzdem.

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Rei­se­preis­min­de­rung und Ent­schä­di­gung bei Rei­se­män­geln

An erster Stelle sollte also immer der Versuch stehen, sich mit dem Reiseveranstalter zu einigen und Abhilfe herbeizuführen. Scheitern jedoch alle Versuche, den Mangel zu beheben, dann entstehen dir unter bestimmten Umständen Ansprüche auf Reisepreisminderung und/oder eine Entschädigung.

Reisepreisminderung: Für den Zeitraum, in dem der Reisemangel besteht und nicht beseitigt ist, mindert sich der Reisepreis anteilig. Das ist in § 651m BGB geregelt. Und das bedeutet auch: Du kannst bei nachgewiesenen Reisemängeln auf einen finanziellen Ausgleich bestehen und musst keine andere Entschädigung akzeptieren – etwa einen Reisegutschein.

Schadensersatz: Der steht dir bei Reisemängeln gemäß § 651n BGB gegebenenfalls zusätzlich zur Reisepreisminderung zu. Zu den Voraussetzungen gehört allerdings, dass der Mangel für den Reiseveranstalter vorhersehbar oder vermeidbar war und dass er nicht auf außergewöhnliche Umstände zurückgeht. Auch für „nutzlos aufgewendete Urlaubszeit“ kannst du eine Entschädigung verlangen.

Reisemängeltabellen bieten Unterstützung

Geht es um einen finanziellen Ausgleich für Reisemängel, solltest du nicht das erstbeste Angebot des Reiseveranstalters akzeptieren, sondern dich darüber informieren, was dir zusteht.

Orientierungshilfe bieten dabei Urteilssammlungen wie die Frankfurter Tabelle und die Kemptener Reisemängeltabelle. Sie listen jeweils zahlreiche Fälle auf, in denen Gerichte über die Ansprüche von Urlaubern bei Mängeln im Urlaub entschieden haben, und geben an, ob und um wie viel Prozent der Reisepreis gemindert werden durfte.

Betroffene Urlauber können daraus zwar keine automatischen Ansprüche ableiten, aber sie erhalten eine Übersicht über typische Fälle und können somit leichter einschätzen, ob sich ein Rechtsstreit lohnt. Bleiben dann noch Fragen offen, kann im individuellen Fall ein Anwalt helfen.

 

Rei­se­man­gel geltend machen: So solltest du vorgehen

Diese Schritte sind wichtig, wenn du im Urlaub etwas zu bemängeln hast:

  1. Beweise sammeln: Wie du ein Män­gel­pro­to­koll aufnimmst und worauf du dabei achten solltest, liest du in unserem Ratgeber „Rei­se­män­gel doku­men­tie­ren“.
  2. Mangel sofort der Rei­se­lei­tung bezie­hungs­wei­se dem Rei­se­ver­an­stal­ter melden und um Abhilfe bitten.

Das weitere Vorgehen hängt davon ab, wie der Reiseveranstalter reagiert und ob der Mangel schnell behoben werden kann. Im Extremfall bist du bei Reisemängeln sogar zur Kündigung berechtigt – wie oben beschrieben.

Nach dem Urlaub ist eine Frist zu beachten, um deine Rechte geltend zu machen:

  • Seit Juli 2018 gilt in Deutsch­land: Du hast grund­sätz­lich nach Ende der Reise zwei Jahre Zeit, um Ansprüche auf Rei­se­preis­min­de­rung wegen eines Mangels schrift­lich beim Rei­se­ver­an­stal­ter geltend zu machen.
  • Du solltest jedoch lieber früher als später handeln. Denn je mehr Zeit seit dem Urlaub vergangen ist, desto schwie­ri­ger wird es häufig, Mängel nach­zu­wei­sen – und desto länger musst du auf deine Erstat­tung warten.

Das gehört in dein Schreiben an den Reiseveranstalter:

  • eine Liste der auf­ge­tre­te­nen Rei­se­män­gel
  • wenn vorhanden: Fotos der Mängel
  • wenn vorhanden: die Namen möglicher Zeugen
  • die Ansprüche, die du konkret anmeldest, also die genaue Summe, um die der Rei­se­preis gemindert werden soll – hier hilft wieder ein Blick in die Rei­se­män­gel­ta­bel­len
  • eine Frist, die du dem Rei­se­ver­an­stal­ter setzt, um dir das Geld auf dein Konto zu über­wei­sen
  • deine Kon­to­da­ten

Wichtige Voraussetzung für die Reisepreisminderung: Du musst den Mangel bereits im Urlaub deinem Reiseveranstalter gemeldet haben, damit dieser die Gelegenheit hatte, für Abhilfe zu sorgen.

Und zur Erinnerung: Du musst als Ausgleich keinen Reisegutschein annehmen. Wenn der Reisemangel erwiesen ist, muss der Reiseveranstalter dir die Preisminderung auszahlen. Achtung: Schickt der Reiseveranstalter dir einen Scheck über einen bestimmten Betrag und du löst diesen ein, gilt dieser Ausgleich als akzeptiert. Weitere Forderungen kannst du dann nicht mehr stellen.

Reagiert der Reiseveranstalter nicht oder ist die Antwort nicht zufriedenstellend, solltest du einen Anwalt einschalten, der dich beim nächsten Schritt unterstützt – zum Beispiel bei einem Mahnbescheid.

 

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