Frau meldet Fah­rer­flucht per Telefon, vor ihr ein Auf­fahr­un­fall Monkey Business, Fotolia

14. Oktober 2015, 14:03 Uhr

Interview Fah­rer­flucht – Kava­liers­de­likt oder Straftat?

Sie haben ein Auto gestreift und geraten in Panik – wenn Sie jetzt wegfahren, begehen Sie dann schon Fahrerflucht? Andreas Lubitz von der Kanzlei Bernzen Sonntag klärt im Interview mit den Streitlotsen, ab wann es sich um Fahrerflucht handelt. Der Fachanwalt für Strafrecht weiß außerdem, mit welchen Strafen Sie rechnen müssen und wie Sie sich grundsätzlich in einer solchen Situation verhalten.

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Streitlotse: Ab wann ist es Fahrerflucht?

Andreas Lubitz: Fahrerflucht oder auch Unfallflucht ist umgangssprachlich und bezeichnet das unerlaubte Entfernen vom Unfallort nach § 142 im StGB. Haben Sie am Ort des Geschehens eine Weile gewartet und treffen niemanden an, sollten Sie nicht einfach gehen. Hinterlegen Sie nur Ihre Kontaktdaten oder eine Telefonnummer reicht das auf keinen Fall. Der Zettel kann wegfliegen und dann ist Ihr Kontaktversuch gescheitert. Auch wenn Sie zunächst Ihr Auto stehen lassen, um sich später um die Angelegenheit zu kümmern, weil Sie beispielsweise in Eile sind, müssen Sie mit einer Fahrerflucht-Anzeige rechnen.

Streitlotse: Was ist zu tun, wenn fremdes Eigentum beschädigt wurde?

Andreas Lubitz: Grundsätzlich gilt: Melden Sie den Unfall nicht umgehend der Polizei, begehen Sie Fahrerflucht. Diese nimmt alle Aspekte auf, die zum Unfall geführt haben. Neben den Merkmalen des Wagens spielt es auch eine Rolle, ob Sie Alkohol getrunken haben oder in einer anderen Form abgelenkt waren. Sobald Sie Ihrer im Gesetz verankerten Aufklärungspflicht nicht nachkommen, machen Sie sich schuldig. Ist der Unfall während der Fahrt passiert, suchen Sie nicht erst einen Parkplatz, sondern halten sofort an. Beschädigen Sie ein unbemanntes Fahrzeug, müssen Sie zunächst einmal auf den Fahrzeughalter warten. Die Wartezeit ist je nach Grad des Unfalls und Tageszeit unterschiedlich. Es gibt keinen gesetzlichen Richtwert, weshalb auch die Rechtsprechung je nach Fall eine Frist von 10 Minuten bis zu mehreren Stunden angemessen hält. Im Zweifel warten Sie etwa eine halbe Stunde auf den Wageninhaber oder eine feststellungsbereite Person, bevor Sie die Polizei persönlich informieren. Haben Sie den Unfall telefonisch gemeldet, warten Sie grundsätzlich bis der Streifenwagen erscheint.

Verkehrsrechtsschutz: Hilfe bei Fahrerflucht

Streitlotse: Zählt Fahrerflucht noch als Kavaliersdelikt? Welche Strafen gibt es?

Andreas Lubitz: Definitiv nein, Fahrerflucht ist ganz klar eine Straftat. Egal, wie groß die Beule ist oder ob Menschen involviert sind, für Fahrerflucht gibt es eindeutige Strafen. Diese richten sich nach Schwere der Schuld, Personenschaden und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters. Jedes Urteil ist damit individuell und auf die einzigartigen Umstände der Person und der Tat zugeschnitten. Bei Geldstrafen werden häufig Beträge von bis zu 90 Tagessätzen fällig, die maximal drei Nettomonatseinkommen entsprechen. Im seltensten Fall, wenn beispielsweise Personen verletzt werden, wird auch eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren ausgesprochen. Das passiert jedoch äußerst selten, lediglich 0,5 Prozent der Fahrerflüchtigen sitzen Ihre Strafe im Gefängnis ab. Neben juristischen Strafen gibt es bis zu drei Punkte in Flensburg. Grundsätzlich müssen Sie auch mit einem Fahrverbot, das drei Monate dauern kann, oder dem Entzug der Fahrerlaubnis rechnen.

Streitlotse: Gibt es noch andere Folgen, die Fahrerflucht nach sich zieht?

Andreas Lubitz: Wenn Sie nicht umgehend die Polizei rufen, dann können Sie davon ausgehen, dass Ihre Versicherung nicht für den entstandenen Schaden aufkommt. Denn normalerweise werden Unfallschäden von Ihrer Kfz-Haftpflichtversicherung übernommen, selbst wenn Sie Verursacher sind. Außerdem kann es passieren, dass Ihre Versicherung Ihnen kündigt. Dann stehen Sie am Ende ohne Führerschein und ohne Versicherung da, aber mit hohen Rechnungen und kaputtem Auto. Denken Sie immer daran, dass nicht jede Delle zu einem Bußgeld oder gar zu einer Anzeige führt – vorausgesetzt Sie melden den Vorfall. Polizei und Justiz sind immer daran interessiert, nur schwerwiegende Fälle vor Gericht zu bringen.

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