So erkennt man Kin­des­wohl­ge­fähr­dung und handelt richtig altanaka, Fotolia

24. August 2018, 7:28 Uhr

So geht's richtig Kin­des­wohl­ge­fähr­dung: Erkennen und richtig handeln

Ein Fall von Kindeswohlgefährdung ist für Außenstehende oft nicht eindeutig zu erkennen. Das verunsichert aufmerksame Mitmenschen: Sie möchten einerseits gefährdeten Kindern helfen, andererseits aber die betreffende Familie nicht durch mögliche falsche Verdächtigungen in Schwierigkeiten bringen. Hier findest du einige Anhaltspunkte und Tipps, wie du bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung reagieren kannst.

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Kin­des­wohl und Kin­des­wohl­ge­fähr­dung: Das sagt das Gesetz

Das Kindeswohl umfasst das körperliche, geistige und seelische Wohl eines Kindes. Eltern und Erziehungsberechtigte sind in der Pflicht, das Kindeswohl zu erhalten und dafür zu sorgen, dass es ihren Kindern gut geht. So haben Kinder zum Beispiel ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.

Eine Kindeswohlgefährdung liegt gemäß § 1666 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) dann vor, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes unmittelbar beeinträchtigt oder bedroht ist und die Erziehungsberechtigten diesen Zustand nicht abstellen können oder wollen.

Ansprechpartner ist in einem solchen Fall das zuständige Jugendamt. Gemäß § 8a Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII) muss es aktiv werden, wenn Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung bestehen.

Bestätigt sich der Verdacht, muss ein Familiengericht geeignete Maßnahmen beschließen. Diese sind in § 1666 Absatz 3 BGB aufgelistet. Zum Beispiel kann die Auflage an die Eltern ergehen, Hilfsangebote wahrzunehmen. In besonders schweren Fällen ist auch die Entziehung der elterlichen Sorge möglich.

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Beispiele für Kin­des­wohl­ge­fähr­dung

Die gesetzliche Definition einer Kindeswohlgefährdung ist recht allgemein gehalten. Konkret kann sie zum Beispiel in folgenden Formen auftreten:

  • Ver­nach­läs­si­gung des Kindes: Den Grund­be­dürf­nis­sen des Kindes – etwa nach Essen, sauberer Kleidung, Nähe und Gebor­gen­heit oder ärzt­li­cher Behand­lung bei Krankheit – werden die Eltern nicht gerecht.
  • Ver­nach­läs­si­gung weiterer elter­li­cher Pflichten: Eltern müssen dafür sorgen, dass ihre schul­pflich­ti­gen Kinder zur Schule gehen – tun sie dies nicht, ist das Kin­des­wohl gefährdet. Eltern müssen auch ihre Auf­sichts­pflicht wahr­neh­men: Ein Kleinkind, das draußen für längere Zeit unbe­auf­sich­tigt spielt, obwohl in der Nähe eine Gefah­ren­quel­le (Straße, steile Treppe o.ä.) ist, befindet sich in Gefahr.
  • Kör­per­li­che Gewalt: Diese stellt in jeder Form eine Kin­des­wohl­ge­fähr­dung dar.
  • Psy­chi­sche oder seelische Miss­hand­lung: Kinder sind zum Beispiel regel­mä­ßig Beschimp­fun­gen, Wut­aus­brü­chen oder anderen her­ab­set­zen­den Äuße­run­gen ihrer Erzie­hungs­be­rech­tig­ten aus­ge­setzt. Müssen Kinder immer wieder häusliche Gewalt zwischen den Eltern mit­er­le­ben, bedroht auch dies ihr see­li­sches Wohl.
  • Sexueller Miss­brauch: Gemäß §§ 176 ff. Straf­ge­setz­buch (StGB) ist dieser eine Straftat und wird ent­spre­chend verfolgt. Nicht nur sexuelle Hand­lun­gen an Kindern sind sexueller Miss­brauch: Ebenso gefährdet es das Kin­des­wohl, wenn Kinder solche Hand­lun­gen mit­an­se­hen müssen.

Anzeichen für Kin­des­wohl­ge­fähr­dung

Ob das Wohl eines Kindes gefährdet ist, kann sich an typischen Kriterien zeigen. Am auffälligsten sind dabei körperliche Merkmale:

  • Spuren von Gewalt, etwa: immer wieder blaue Flecke, Narben oder sogar Kno­chen­brü­che
  • Mangelnde Hygiene, ver­schmutz­te oder nicht wit­te­rungs­ge­mä­ße Kleidung
  • Häufige Müdigkeit, Schlaf- oder Ess­stö­run­gen, Stottern, Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che, Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen

Aber auch im Verhalten des Kindes können sich Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung zeigen. Beispiele:

  • Das Kind ist häufig aggressiv, schreck­haft oder extrem ängstlich gegenüber anderen.
  • Es miss­ach­tet ständig Regeln und Grenzen, ist distanz­los oder kapselt sich von anderen ab.
  • Es verletzt sich selbst.

Kin­des­wohl­ge­fähr­dung melden: So handelst du richtig

Für Außenstehende – etwa Nachbarn oder flüchtige Bekannte – ist es wesentlich schwieriger, eine Kindeswohlgefährdung zu erkennen, als etwa für pädagogische Fachkräfte wie Erzieher und Lehrer, die mit dem Kind regelmäßig Kontakt haben. Diese können sich sogar strafbar machen, wenn sie bei einem konkreten Verdacht nicht handeln. Für Privatpersonen gilt das nicht.

Dennoch solltest du bei Verdacht nicht einfach wegsehen. Die Jugendämter vertreten selbst den Grundsatz: "Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig."

RechtsschutzDas Jugendamt ist verpflichtet, allen Verdachtsmomenten auf Kindeswohlgefährdung nachzugehen. Du solltest dich jedoch darauf einstellen, dass der Mitarbeiter Rückfragen stellt: Worin genau begründet sich dein Verdacht? Was hast du konkret beobachtet, was vermutest du lediglich? Daher solltest du dir sämtliche Punkte, die dir verdächtig vorkommen, vorher notieren – am besten mit Zeitangaben. So vergisst du nichts und läufst auch nicht Gefahr, in Spekulationen zu verfallen. Das ist besonders bei schwerwiegenden Vorwürfen sehr wichtig.

Du hast Angst, nach einem Anruf beim Jugendamt wegen Verleumdung angezeigt zu werden? Wenn du dir nicht sicher bist, ob dein Verdacht ausreicht, um das Jugendamt einzuschalten, kannst du dir zunächst auch bei einer Familienberatungsstelle in deiner Nähe Rat holen. Die Experten können anhand deiner Beobachtungen die Situation fachlich einschätzen und dir auch Tipps für das weitere Vorgehen geben.

Gut zu wissen: Du kannst deinen Verdacht auch anonym beim Jugendamt melden. Dann taucht dein Name nicht in der Akte auf. Allerdings kann das Jugendamt dir dann auch keine Rückmeldung geben oder dich nachträglich um weitere Informationen bitten, um den Fall zu klären.

FAZIT
  • Kin­des­wohl­ge­fähr­dung bedeutet: Das kör­per­li­che, geistige oder seelische Wohl eines Kindes ist gefährdet.
  • Wenn die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten nichts dagegen unter­neh­men können oder wollen, muss das Jugendamt tätig werden. Über geeignete Maßnahmen ent­schei­det ein Fami­li­en­ge­richt.
  • Kör­per­li­che Merkmale oder ein auf­fäl­li­ges Verhalten des Kindes können darauf hindeuten, dass sein Wohl gefährdet ist.
  • Konkrete Ver­dachts­mo­men­te sollten dem zustän­di­gen Jugendamt gemeldet werden. Das geht auch anonym.
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