strei­ten­des Paar mit unglück­li­cher Frau Syda Pro­duc­tions, Fotolia

27. November 2015, 17:40 Uhr

Gut, wenn’s knallt! Warum Streiten so wichtig ist

Niemand streitet gern – Sie sollten aber auch nicht gleich flüchten, wenn es zu einer Meinungsverschiedenheit kommt. Diplom-Psychologin Saskia Strehl vom „Psychotherapieteam“ aus Hamburg behandelt Menschen, die unter Schmerz- und Angststörungen, Depressionen und Burnout leiden. Im Interview mit dem Streitlotsen erklärt sie, warum streiten für die Gesundheit wichtig ist.

Streitlotse: Wieso ist es so wichtig, dass sich Menschen streiten?

Saskia Strehl: Streiten gehört zur Entwicklung des Menschen. Das prägt seinen Charakter und stärkt zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Auseinandersetzung, in der zwei Personen anderer Meinung sind, hilft dabei sich auszutauschen und neue Sichtweisen kennenzulernen. Jemand, der vorher eine konkrete Meinung hatte, erhält nun Gegenargumente und kann sich neue Gedanken machen. Wird sachlich gestritten, hilft der Meinungsaustausch bei der Lösungsfindung oder dabei, einen Kompromiss zu schaffen, der für beide Seiten akzeptabel ist.

Streitlotse: Haben Sie hierfür ein konkretes Beispiel?

Saskia Strehl: Streiten gehört zum Alltag: In der Politik werden zum Beispiel oftmals unterschiedliche Sichtweisen zu einem Thema präsentiert. Das fördert unter anderem die Meinungsbildung der Bevölkerung. In der Partnerschaft hilft ein offener Austausch nicht nur dabei den anderen, sondern auch sich selbst besser kennenzulernen. Negative Eigenschaften, die einem zuvor nicht bewusst waren, werden nun offengelegt und bilden die Basis, um an sich zu arbeiten. Werden Probleme ignoriert und nicht offen angesprochen, können sie auch nicht geändert und gelöst werden – das ist auf Dauer ungesund. Die Fronten verhärten sich.

Streitlotse: Demnach schadet es der Gesundheit, wenn jemand Probleme für sich behält?

Saskia Strehl: Das ist richtig. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, negative Gefühle aber nicht kommuniziert, der kann krank werden – sowohl psychisch, als auch physisch. Geben Sie beispielsweise beim Streiten immer nach, drückt das Ihre Stimmung auf Dauer und auch das Mitgefühl gegenüber anderen wird gehemmt. Sie fühlen sich irgendwann ausgelaugt und erschöpft. Im Job kann das auf lange Sicht sogar in Burnout gipfeln. Können Sie Ihrer Wut keine Luft machen, kann das zu Bluthochdruck führen. Oftmals lässt das Nachgeben und Einlenken auf mangelnden Selbstwert oder Verlustängste schließen. Ein Grund dafür kann in der elterlichen Erziehung liegen, in der Widerworte bestraft wurden.

Streitlotse: Sind häufige Streitereien also gesund?

Saskia Strehl: Nein, denn auch wer oft und exzessiv streitet, kann gesundheitliche Probleme bekommen. Suchen Sie häufig Streit, dann steigt das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Vorbeugen können Sie, indem Sie Ihrer Wut durch sachliche Formulierungen Luft machen, über Ihre Gefühle sprechen und konstruktiv streiten. Neigen Sie dazu, sich häufig aufzuregen, versuchen Sie es doch mal mit Entspannungsübungen oder Sport. Diese Tätigkeiten helfen beim Stressabbau und geben den nötigen Ausgleich. Am gesündesten ist es, wenn man einen Streit nicht scheut, aber dennoch nicht bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fährt.

Wenn Sie in eine Meinungsverschiedenheit geraten, dann gehen Sie dem Konflikt nicht aus dem Weg. Stellen Sie sich der Diskussion. Werden Sie ruhig mal laut, wenn es Ihnen dadurch besser geht – aber bleiben Sie sachlich. Denn ihr Ziel sollte es dennoch sein, nach konstruktiven Lösungen und Kompromissen zu suchen.


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