Weniger Urlaubs­an­spruch bei langer Krankheit – stimmt das? ©RioPatuca_Images/Fotolia

6. September 2019, 10:56 Uhr

Fake oder Fakt? Weniger Urlaubs­an­spruch bei langer Krankheit – stimmt das?

Eine Unfall oder eine Erkrankung kann Arbeitnehmer monatelang aus der Bahn werfen. Doch was passiert bei langer Krankheit mit dem Urlaubsanspruch? Gehen Urlaubstage verloren? Unter bestimmten Umständen schon. Hier erfährst du mehr dazu.

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Krank­schrei­bung und Urlaub: Die Grund­re­geln

Grundsätzlich gilt: Wirst du während deines Urlaubs krankgeschrieben, werden die betroffenen Urlaubstage nicht auf den Jahresurlaub angerechnet. Das besagt § 9 Bundesurlaubsgesetz (BUrlG).

Wichtig dabei: Die Krankheit muss Ursache der Arbeitsunfähigkeit und als solche vom Arzt bestätigt sein – eine Erkältung ohne Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung während der Ferien zählt also beispielsweise nicht.

Wenn du im Urlaub krank wirst und ein Attest beim Arbeitgeber einreichst, bekommst du die entsprechende Zahl an Urlaubstagen wieder gutgeschrieben.  Allerdings führt das nicht zu einer automatischen Verlängerung deines aktuellen Urlaubs: Wann du diese Urlaubstage nehmen kannst, musst du erneut mit deinem Arbeitgeber klären.

 

Länger krank: Urlaubs­an­spruch bleibt bestehen – aber nicht für immer

Grundsätzlich bleibt dein Urlaubsanspruch zunächst bestehen, auch wenn du länger krankgeschrieben bist: Gemäß der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) ist lediglich das bestehende Arbeitsverhältnis und der Ablauf der sechsmonatigen Wartezeit gemäß § 4 BUrlG für deinen Urlaubsanspruch entscheidend – nicht aber das Erbringen von Arbeitsleistung im Jahr des geplanten Urlaubs.

Im Jahr 2012 hat das BAG entscheiden, dass der Urlaubsanspruch im Krankheitsfall bis zu 15 Monate nach Ablauf des Urlaubsjahres noch geltend gemacht werden kann. Für diesen sogenannten Übertragungszeitraum von 15 Monaten braucht es keine besondere tarifvertragliche Grundlage. Ein Urlaubsanspruch bei langer Krankheit verfällt laut BAG also erst am 31. März des übernächsten Jahres (AZ 9 AZR 353/10).

Das bedeutet aber gleichzeitig: Wenn ein Arbeitnehmer mehrere Jahre lang krank geschrieben war, kann das tatsächlich zum Verlust von Urlaubsanspruch führen. Urlaubsansprüche aus mehreren Vorjahren, in denen der Arbeitnehmer bereits erkrankt war, können gegebenenfalls nicht mehr geltend gemacht werden – sie verfallen mit Ablauf der vom BAG definierten Frist.

 

Urlaubs­an­spruch bei langer Krankheit: Gibt es trotzdem Urlaubs­geld?

Einen gesetzlichen Anspruch auf Urlaubsgeld gibt es nicht. Der Anspruch kann aber zum Beispiel aus dem Arbeitsvertrag oder aus einem Tarifvertrag hervorgehen. Auch dann ist jedoch die Zahlung von Urlaubsgeld in der Regel davon abhängig, ob der Urlaub auch tatsächlich stattfand. Bei Arbeitnehmern, die länger erkrankt sind, ist gerade das nicht der Fall.

Deshalb kann man im Normalfall nicht mit Urlaubsgeld für die Jahre rechnen, in denen man nicht gearbeitet hat und demzufolge auch keinen Urlaub genommen hat.

Lässt sich der Urlaubs­an­spruch bei langer Krankheit in eine Geld­zah­lung umwandeln?

Geld statt Urlaub – das geht auch bei langer Krankheit nicht in jedem Fall. Wenn ein Arbeitnehmer aber über einen langen Zeitraum krank war und anschließend aus dem Unternehmen ausscheidet, wodurch er seine restlichen Urlaubstage nicht mehr nehmen kann, hat er in der Regel Anspruch auf Urlaubsabgeltung gemäß § 7 Absatz 4 BUrlG.

Entsprechend entschied zum Beispiel auch das Arbeitsgericht Bielefeld (AZ 7 Ca 214/14). Im konkreten Fall war ein Arbeitnehmer zwei Jahre lang erkrankt und schied schließlich aus dem Unternehmen aus. Das Gericht sprach ihm den Anspruch auf eine finanzielle Urlaubsabgeltung zu.

 

Wieder gesund? Urlaubs­an­sprü­che recht­zei­tig geltend machenMehr Informationen zum Thema Arbeitsrechtsschutz

Wer nach langer Krankheit wieder gesund ist und an den Arbeitsplatz zurückkehrt, sollte sich schnellstmöglich mit seinem Arbeitgeber darüber einigen, wann er die aufgelaufenen Urlaubstage nehmen kann. Denn: Sobald die Arbeit wieder aufgenommen wird, gelten für den bestehenden Urlaubsanspruch – der nach längerer Krankheit sehr umfangreich sein kann – dieselben Regeln wie für den normalen Jahresurlaub. Das heißt: Er verfällt nach einer bestimmten Zeit, gemäß § 7 Absatz 3 BUrlG in der Regel am 31. Dezember des laufenden Jahres.

Ausnahmenregelungen sind mit Zustimmung des Arbeitgebers jedoch möglich – zum Beispiel, wenn der Arbeitnehmer erst gegen Jahresende wieder die Arbeit aufnimmt, der entstandene Urlaubsanspruch jedoch deutlich höher ist, als noch Kalendertage im laufenden Jahr zur Verfügung stehen.

 

FAZIT
  • Grund­sätz­lich bleibt bei Arbeits­un­fä­hig­keit durch Krankheit der Urlaubs­an­spruch bestehen.
  • Bei langer Krankheit verfällt der Urlaubs­an­spruch gemäß Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richt erst am 31. März des über­nächs­ten Jahres.
  • Unter bestimm­ten Umständen lässt sich der Urlaubs­an­spruch nach Krankheit finan­zi­ell abgelten.
  • Wer wieder gesund ist und die Arbeit aufnimmt, sollte schnell mit dem Arbeit­ge­ber an die Urlaubs­pla­nung gehen – sonst kann der Anspruch doch noch verfallen.
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