Vertrauensarbeitszeit: Deine Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer © istock.com/fizkes

27. April 2022, 11:08 Uhr

Darf ich eigentlich? Ver­trau­ens­ar­beits­zeit: Deine Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer

Du hast mit deinem Vorgesetzten Vertrauensarbeitszeit vereinbart und kannst dir die Arbeitszeit nun ohne strikte Zeiterfassung frei einteilen – oder? Ganz so einfach ist das nicht. Welche Pflichten du als Arbeitnehmer trotzdem hast und wie Überstunden und Pausen bei Vertrauensarbeitszeit gehandhabt werden, erfährst du hier.

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Ver­trau­ens­ar­beits­zeit – was ist das?

Grundsätzlich bedeutet Vertrauensarbeitszeit, dass sich Beschäftigte ihre Arbeitszeit frei einteilen können. Sie können also selbst entscheiden, wann und in welchem Umfang sie ihre vereinbarten Arbeitsziele erreichen. Der Arbeitgeber gesteht ihnen also zu, ihre Arbeitszeit selbstständig zu gestalten.

Dies hat den Vorteil, dass Arbeitnehmer in besonders arbeitsintensiven Phasen mehr Stunden am Tag arbeiten können und dafür an anderen Tagen weniger – ohne, dass dies einer Absprache bedarf. Entscheidend ist bei Vertrauensarbeitszeit die erbrachte Arbeitsleistung, also die zufriedenstellende Erledigung der zugeteilten Aufgaben.

Wie viele Stunden darf ich bei Ver­trau­ens­ar­beits­zeit arbeiten?

Trotz freier Zeiteinteilung heißt Vertrauensarbeitszeit nicht, dass du an einem Tag so viel arbeiten kannst, wie du möchtest. Denn da schiebt das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) einen Riegel vor. Laut § 3 ArbZG dürfen Arbeitnehmer pro Werktag maximal acht Stunden arbeiten. Ausnahmen mit bis zu zehn Stunden Arbeitszeit am Tag sind unter bestimmten Umständen möglich. Im Schnitt dürfen Arbeitnehmer von montags bis samstags also 48 Stunden arbeiten.

Hast du mit deinem Chef Vertrauensarbeitszeit abgemacht, gelten für dich allerdings andere Richtlinien. Denn prinzipiell ist für Arbeitnehmer in Vertrauensarbeitszeit eine Fünf-Tage-Woche verbindlich. Samstage sind arbeitszeitgesetzlich zwar Werktage – bei Vertrauensarbeitszeit müssen Samstage jedoch regelmäßig frei bleiben. Hier zählt der Samstag als Ausgleichstag für Mehrarbeit, die zwischen Montag und Freitag erbracht wurde.

Dies gibt dir die Möglichkeit, die gesetzlich zulässigen acht Stunden Mehrarbeit pro Woche bereits von Montag bis Freitag zu erbringen – dies sind zwischen 1,5 und 2,0 Stunden mehr am Tag, als normalerweise erlaubt. Doch Vorsicht: Auch bei diesem Arbeitszeitmodell sind mehr als zehn Stunden Arbeitszeit täglich nicht zulässig. Ebenso gilt für dich: Deine tägliche Arbeitszeit darf über einen Zeitraum von sechs Monaten die acht Stunden am Tag nicht überschreiten.

Ist Zeit­er­fas­sung bei Ver­trau­ens­ar­beits­zeit Pflicht?

Neben der freien Arbeitszeiteinteilung ist bei Vertrauensarbeitszeit prinzipiell keine Zeiterfassung nötig. Arbeitnehmer notieren gegebenenfalls ihre Arbeitszeiten handschriftlich oder teilen diese ihrem Chef mündlich mit – vorgeschrieben ist dies jedoch bislang nicht. Laut § 16 ArbZG sind Arbeitgeber bis dato lediglich dazu verpflichtet, Mehrarbeit zu erfassen. Sie müssen also die Zeit aufzeichnen, die über die gesetzliche Höchstarbeitszeit von regelmäßig acht Stunden am Tag hinausgeht.

Dies änderte sich erst mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der 2019 eine Richtlinie beschloss, nach der Arbeitgeber alle Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter erfassen sollen (AZ. C-55/18 - CCOO). Ein deutscher Gesetzesentwurf hierzu ist in Arbeit.

Da Arbeitgeber dann grundsätzlich zur elektronischen Arbeitszeiterfassung verpflichtet sein werden, werden auch die Arbeitszeiten von Mitarbeitern in Vertrauensarbeitszeit davon betroffen sein.

Mitarbeiter steht an einem Zeiterfassungstool an seiner Arbeitsstelle.
© istock.com/halbergman

Wie werden Über­stun­den bei Ver­trau­ens­ar­beits­zeit gehandhabt?

Trotz freier Zeiteinteilung können Überstunden anfallen, wenn Projekte besonders dringend fertiggestellt oder unvorhergesehene Zusatzaufträge bearbeitet werden müssen. Da Vertrauensarbeitszeit in der Regel auf Flexibilität der Arbeitnehmer und dem Vertrauensverhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter aufbaut, musst du als Arbeitnehmer in der Regel selbst dafür sorgen, dass deine Überstunden genau protokolliert werden.

Mit dem Urteil des EuGH und den geplanten Gesetzesänderungen wird sich jedoch auch hier einiges ändern. Ob nun aber gesetzlich vorgeschrieben oder eigenverantwortlich: Eine Arbeitszeiterfassung durch beispielsweise ein Arbeitszeitkonto ist bei Vertrauensarbeitszeit für beide Seiten von Vorteil. Sprich am besten mit deinem Chef, welche Möglichkeiten zur Erfassung deiner Arbeitszeit am sinnvollsten ist. So können auch deine Überstunden festgehalten und ein späterer Freizeitausgleich besser geplant werden.

Wie viel Pausen sind bei Ver­trau­ens­ar­beits­zeit erlaubt?

Als Arbeitnehmer bist du bei einer täglichen Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden dazu verpflichtet, eine Pause einzulegen (§ 4 ArbZG). Dies gilt natürlich auch bei Vertrauensarbeitszeit. Hier hast du ähnlich wie bei der Arbeitszeiteinteilung jedoch die Möglichkeit, deine Pausen individueller zu gestalten – also beispielsweise häufigere Pausen einzulegen oder länger Pause zu machen, als gesetzlich vorgeschrieben ist.

Wie bei anderen Arbeitnehmern gilt auch bei der Vertrauensarbeitszeit: Zwischen der Arbeit an zwei Werktagen muss eine Ruhephase von mindestens elf Stunden liegen (§ 5 ArbZG).

Wenn dein Vorgesetzter deine Rechte auf Pausen und Ausgleich ignoriert, solltest du dir rechtlichen Beistand suchen.

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