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7. Juni 2019, 10:15 Uhr

Digitaler Streit Cyber­mob­bing: "Physische Distanz und Anony­mi­tät verführen dazu, verbal über Grenzen zu gehen."

Über 90 Prozent der Bevölkerung ist heutzutage online unterwegs und ein Großteil der Kommunikation untereinander findet mittlerweile über das Internet statt. Wo einander Unbekannte mit unterschiedlichen Meinungen "mitmischen" kann der Ton schnell mal rauer werden. Es ist also kaum verwunderlich, dass Dikussionen im Netz schneller mal in Streit, Beschimpfungen und Beleidungen ausarten können. Dr. Eva Wlodarek gibt im Interview Einblicke und Antworten darauf, warum wir uns im Netz anderen Menschen gegenüber manchmal respektloser verhalten.

Wie unterscheidet sich die Kommunikation im Netz generell von der persönlichen Kommunikation?

"Es gibt einen fundamentalen Unterschied: Die Kommunikation im Netz muss ohne Körpersprache auskommen. In einem persönlichen Gespräch dagegen tragen Gestik, Mimik und Tonfall zur eindeutigen Interpretation des Gesagten bei. Zwar nutzt man im Netz Emoticons, um diesen Mangel zu kompensieren, doch das ist nur ein schwacher Ausgleich. Ein Smiley ersetzt kein Lächeln. Andererseits ermöglicht die digitale Kommunikation, sich mit vielen Menschen über weite Distanzen zu verbinden. Und sie ist demokratisch: Alter, Geschlecht und körperliche Bedingungen spielen kaum eine Rolle. Jeder hat die Chance, sich zu äußern."

Welche Unterschiede gibt es zwischen dem digitalen Streit und dem persönlichen Streit?

Dr. Eva Wlodarek, © Katrin Saalfrank

"Im persönlichen Streit kann es durchaus heftig zugehen. Doch irgendwann ist die idealerweise die aktuelle kritische Situation beendet und man verlässt den Schauplatz des Geschehens. Im Laufe der Zeit wächst dann meist Gras über die Sache und man erinnert sich gar nicht mehr so genau, was die gereizte Stimmung eigentlich ausgelöst hat. Auf sozialen Plattformen dagegen bleibt der Wortlaut detailliert erhalten: Noch Monate später kann man dort jede negative Äußerung nachlesen und sich erneut darüber aufregen. Außerdem betrifft ein Streit, der offline ausgetragen wird, einen überschaubaren Kreis von Beteiligten, während im Netz meist viele, auch einander unbekannte Menschen Partei ergreifen können."

Wie verändern digitale Kommunikationsformen das Streiten?

Die digitale Form des Streitens ist nicht per se negativ, sondern bietet auch eine besondere Chance: Beliebig viele Menschen an verschiedenen Orten können einen interessanten Beitrag leisten. Indem man sich etwa in Chats und öffentlichen Foren kontrovers austauscht, erweitert man vielleicht seinen Horizont und verändert seine Perspektive. Ein Nachteil ist, dass die Möglichkeit der umfassenden und meist anonymen Kommunikation auch als Freibrief für unkontrollierte Meinungsäußerungen benutzt werden kann.

Wie entsteht Streit im Netz?

Zunächst einmal beginnt er genauso wie jeder analog ausgetragene Streit: Jemand äußert seine Ansicht, ein anderer hält die für falsch oder inakzeptabel. Verstärkend kommt hinzu, dass im Netz oft viele unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen und sich jeder einmischen kann. Auf diese Weise eskaliert ein Streit sehr schnell.

 Was sind die hauptsächlichen Ursachen? (Warum streiten sich Menschen überhaupt im Netz?)

Sich im Internet zu äußern, ist inzwischen eine gängige Form der Kommunikation. Schließlich gibt es in rund 90 Prozent aller deutschen Haushalte einen PC. So ist es kein Wunder, dass kontroverse Meinungen auch hier – wie im realen Leben – aufeinandertreffen. Zudem wird man im World Wide Web oft dazu aufgefordert, zu beliebigen Themen Stellung zu nehmen, etwa durch eine Kommentarfunktion. Auf diese Weise besteht durchaus häufiger die Möglichkeit, Streitlust zu entfachen.

Warum eskaliert Streit im Netz schneller und artet häufiger aus?

Wenn Sie sich mit Ihrem Nachbarn am Gartenzaun streiten, werden Sie sich bei allem Ärger gut überlegen, ob Sie komplett ausrasten. Vor den Augen anderer nimmt man sich meist noch einigermaßen zusammen. Im Internet sieht man jedoch sein Gegenüber nicht. Das verringert die Hemmschwelle für Beleidigungen und Pöbeleien – umso mehr, wenn man anonym bleibt und keine Konsequenzen fürchten muss. Wo einander Unbekannte aus unterschiedlichen Milieus „mitmischen“, wird der Ton schnell rauer. Im Gegensatz zu familiären oder kollegialen Auseinandersetzungen nimmt man auf persönliche Befindlichkeiten weniger Rücksicht.

Was sind die Gefahren beim Streiten im Netz?

Physische Distanz und Anonymität verführen dazu, verbal über Grenzen zu gehen. Unsere normalerweise vorhandene Empathie ist verringert, weil wir die Reaktion unseres Gegenübers nicht oder nur verspätet sehen. Richtig gefährlich wird es, wenn der Streit zu Beleidigungen, Verleumdungen, Hetze oder Drohungen führt. Das sind Straftaten, die durchaus zur Anzeige gebracht und juristisch verfolgt werden.

Welche psychologischen Auswirkungen kann das auf die Betroffenen haben?

Die Betroffenen fühlen sich den Angriffen meist hilflos ausgeliefert. Das hat sogar körperliche Folgen. Per Hirnscan wurde nachgewiesen, dass entwertende und hasserfüllte Kommentare das Schmerzzentrum im Gehirn ebenso aktivieren wie Schläge. Zudem fühlen sich die Beschimpften durch die Öffentlichkeit an den Pranger gestellt.

 Ist konstruktives Streiten im Netz möglich?

Ja, aber es erfordert eine Menge Selbstdisziplin. Dabei ist es hilfreich, sich an diese drei Regeln zu halten:

  • Überlegen Sie, was Sie mit der Aus­ein­an­der­set­zung erreichen möchten: Wollen Sie sich sachlich über ein Thema aus­tau­schen? Geht es darum, andere mit guten Argu­men­ten zu über­zeu­gen? Oder wollen Sie einfach nur wider­spre­chen?
  • Infor­mie­ren Sie sich vorab über den Gegen­stand der Dis­kus­si­on, etwa über poli­ti­sche Hin­ter­grün­de oder medi­zi­ni­sche Fakten. Je mehr Sie wissen, desto sou­ve­rä­ner können Sie argu­men­tie­ren und desto besser sind Sie gegen falsche Ansichten gewappnet.
  • Lassen Sie sich nicht zu ver­let­zen­den oder belei­di­gen­den Äuße­run­gen hinreißen. Nehmen Sie sich den Wahl­spruch der ehe­ma­li­gen First Lady Michelle Obama zu Herzen: „When they go low we go high“ – „Wenn sich die anderen nicht benehmen können, reagieren wir mit Anstand.“

 Wie kann man einen Streit im Internet vermeiden, deeskalieren oder gar beenden?

Bevor Sie erbost drauflos tippen, bauen Sie in Ihrer Fantasie einen Puffer ein: Stellen Sie sich vor, Ihr streitbarer Kommentar stünde unter Ihrem Namen öffentlich auf einer großen Anzeigetafel. Wäre Ihnen das peinlich? Mit dieser Vorstellung gelingt es leichter, sich verbal zu kontrollieren.

Sobald Sie merken, dass der Streit ausufert, benutzen Sie eine höfliche Formel, um sich zurückzuziehen. Etwa: „Unsere Meinungen sind unterschiedlich. Das möchte ich jetzt so stehen lassen.“ Ganz praktisch kann man sich ausklinken, indem man nicht mehr antwortet, den Streithahn blockt oder ihm „entfolgt“. Last but not least: Falls es möglich ist – zum Beispiel bei einem Streit per E-Mail unter Kollegen –, sollte man ein persönliches Gespräch vorschlagen, denn es ist der Unterhaltung im Internet oft überlegen.

Mehr Informationen zum Thema RechtsschutzKonkrete Frage zu den forsa-Ergebnissen: Warum schauen sich 54 Prozent der Internetnutzer täglich Inhalte andere Internetnutzer an? Worauf deutet dieses Verhalten hin?

Für viele Menschen ist das Internet ihr hauptsächliches Kontaktmedium, mit unterschiedlichen Funktionen: Als Informationsquelle ersetzt es Magazine, Sachbücher oder fachliche Beratung. Zahlreiche Nutzer, besonders die jüngeren, suchen Vorbilder und orientieren sich an Influencern. Das Leben anderer im Netz zu verfolgen, bietet zudem die Illusion von Verbindung.

Ob es beim passiven Konsumieren bleibt oder ob man selbst einen Beitrag postet, hängt davon ab, wie weit man bereit ist, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Immerhin setzt das einiges an Selbstbewusstsein, die in einigen Fällen auch an Naivität grenzen mag, voraus.

 

Das Interview nimmt Bezug auf eine Umfrage/Studienergebnisse von Generali und ADVOCARD zum Thema Digitaler Streit.

 

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