Arbeitskleidung als Pflicht: Was darf der Arbeitgeber vorschreiben? © iStock.com/Vesnaandic

16. November 2022, 9:56 Uhr

Fake oder Fakt? Arbeits­klei­dung als Pflicht: Was darf der Arbeit­ge­ber vorschreiben?

In vielen Berufen ist das Tragen einer Uniform oder von Arbeitsschutzkleidung Pflicht. Aber wer ist für den Erwerb der Ausstattung zuständig, und wer muss die Kosten tragen? Und wie ist es bei anderer Arbeitskleidung – beispielsweise, wenn im Büro ein einheitlicher Dresscode vorgeschrieben ist? Hier erfährst du alles über die arbeitsrechtlichen Regeln rund um die Berufskleidung.

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Das gilt für vor­ge­schrie­be­ne Arbeitsschutzkleidung

Ob Helm, Atemschutz oder Schutzbrille: Geht es um den Schutz von Mitarbeitern am Arbeitsplatz, so lässt sich aus § 3 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) ableiten, dass der Arbeitgeber bei riskanten Tätigkeiten die erforderliche Schutzkleidung zur Verfügung stellen muss. Tut der Arbeitgeber dies nicht, können sich Mitarbeiter je nach Einzelfall möglicherweise sogar weigern, die Tätigkeit auszuüben.

Der Arbeitgeber trägt zum einen die Verantwortung dafür, dass jeder Arbeitnehmer eine eigene, für ihn angepasste Arbeitskleidung erhält – auch Auszubildende. Zum anderen muss er auch die Kosten dafür tragen. Darüber hinaus muss gewährleistet sein, dass die Schutzkleidung intakt ist und wenn nötig regelmäßig gereinigt wird; gegebenenfalls sind Teile auszutauschen, wie zum Beispiel die Filter von Atemschutzmasken. Auch für die dabei entstandenen Kosten muss der Arbeitgeber aufkommen, wenn die Schutzkleidung dadurch in den vorschriftsmäßigen Zustand versetzt wird.

Das bestätigte auch das Bundesarbeitsgericht (AZ 9 AZR 191/15): Geklagt hatte ein Schlachthofmitarbeiter, dessen Arbeitgeber ihm für die Reinigung der weißen Hygienekleidung monatlich rund zehn Euro vom Nettolohn abzog. Das Gericht gab der Klage statt, da die Reinigung der Kleidung gemäß den Vorschriften der Berufsgenossenschaft im Interesse des Arbeitgebers stattfand. Demnach sei der Arbeitnehmer nicht dazu verpflichtet, die Kosten der Reinigung zu tragen, denn gemäß § 670 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) trägt der Auftraggeber die Kosten für Aufwendungen, die den Umständen nach erforderlich sind.

Wer­bungs­kos­ten für bran­chen­spe­zi­fi­sche Berufs­klei­dung geltend machen

Anders sieht es aus, wenn im Job keine arbeitsrechtlichen Vorschriften das Tragen bestimmter Schutzkleidung vorsehen, du aber in Eigeninitiative nicht darauf verzichten möchtest: In diesem Fall musst du die Kosten selbst tragen. Wenn es keine gesetzliche Verpflichtung für eine Berufsbekleidung gibt, diese vom Arbeitgeber aber vorgeschrieben beziehungsweise erwünscht ist, können Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsame Regelungen treffen. Zahlt dir der Arbeitgeber einen steuerfreien Zuschuss, um davon Berufskleidung zu kaufen, kannst du die entsprechenden Kosten nicht von der Steuer absetzen.

Wenn du die Arbeitskleidung hingegen aus eigener Tasche bezahlen musst, hast du die Möglichkeit, dies als Werbungskosten von der Steuer abzusetzen.Das geht in der Regel aber nur, sofern die Kleidung nicht für den privaten Gebrauch im Alltag geeignet ist. Dieses Kriterium hielt der Bundesfinanzhof (BF) 1991 in einem Grundsatzurteil fest (AZ IV R 13/90).  

In vielen Fällen akzeptiert das Finanzamt in der Steuererklärung pauschal bis zu 110 Euro Werbungskosten für Kauf und Pflege von Arbeitskleidung auch ohne Belege. Mit Beleg kannst du Kleidungsstücke absetzen, die maximal 487,90 Euro (inklusive Mehrwertsteuer) gekostet haben. Sind für ein Kleidungsstück höhere Kosten angefallen, können diese als Teilbetrag über mehrere Jahre abgeschrieben werden.

Wenn du die Arbeitskleidung selbst waschen musst, kannst du die Kosten dafür ebenfalls im Rahmen der Steuererklärung geltend machen. Da die Berechnung der absetzbaren Beträge jedoch relativ kleinteilig und komplex ist, solltest du dich hierzu an eine Steuerberatung wenden.

Welche branchenspezifische Berufskleidung genau in die Kategorie „private Nutzung ausgeschlossen“ fällt und damit in Erwerb und Instandhaltung steuerlich absetzbar ist, und für welche du die Kosten selbst zu tragen hast, siehst du in dieser Tabelle.

Steu­er­lich absetzbarNicht steu­er­lich absetzbar
Uni­form­ober­klei­dung wie Dienst­hem­den und -hosen der Polizei oder von Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten, falls vor­ge­se­hen Pullover, Anorak, EinsatzanzugSchuhe, Socken, Unterwäsche
Weiße Kittel oder Kasacks von Ärzten und PflegemitarbeiternWeiße Arzt­be­klei­dung, die auch im Alltag tragbar ist
Ober­be­klei­dung von Köchen, Malern, SchornsteinfegernSchwarze Anzüge oder schwarze bür­ger­li­che Kleidung von Trau­er­red­nern, Bestat­tern, Geist­li­chen oder Kellnern
Amtsta­la­re von Richtern, Staats­an­wäl­ten, GeistlichenAnzug oder Rock und Bluse von Musikern
Schwarzer Frack eines OrchestermusikersSkianzug neben­be­ruf­li­cher Skilehrer
Sport­be­klei­dung für die dienst­li­che Sport­teil­nah­me bei Lehr­kräf­ten, Polizei, Feuerwehr, BundeswehrSehhilfe- und Bildschirmbrillen

Die Frage, ob die Berufsbekleidung von Trauerrednern steuerlich absetzbar ist, entschied der Bundesfinanzhof (BFH) im März 2022. Hier machten selbständige Trauerredner schwarze Anzüge, Blusen und Pullover als Betriebsausgaben in ihrer Steuererklärung geltend. Da diese vom Finanzamt und Finanzgericht steuerlich nicht berücksichtigt wurden, klagten die Trauerredner. Im Urteil erklärte der BFH, die genannten Kleidungsstücke seien bürgerliche Kleidung, die auch privat getragen werden könne. Daher sei kein Betriebsausgabenabzug zu gewähren (AZ VIII R 33/18).

Pilotin und Pilot auf ihrem Weg durch den Flufhafen.
© iStock.com/Xavier Arnau

Dresscode und Corporate Identity

Auch ohne vorgeschriebene Arbeitsschutzkleidung kannst du als Arbeitnehmer in der freien Wahl deines Outfits eingeschränkt sein. Arbeitgeber dürfen im Rahmen ihres Direktionsrechts vorgeben, welche Kleidung die Arbeitnehmer am Arbeitsplatz tragen sollen. Dazu muss ein berechtigtes Interesse seitens des Arbeitgebers vorliegen, beispielsweise wenn in Hinblick auf Kundenkontakt die Funktion der Angestellten gekennzeichnet werden oder die Corporate Identity nach außen getragen werden soll. Ob dieses Interesse vorliegt oder ob bestimmte Vorgaben die Mitarbeiter zu sehr in ihren Rechten einschränken, ist oft ein Gegenstand von Diskussionen. Wird eine Kleidungsvorschrift neu per Betriebsvereinbarung festgehalten, darf der Betriebsrat dabei mitreden.

Besonders streng ist der Dresscode traditionell beispielsweise für Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen, deren Outfit oft bis ins Detail vorgegeben ist. Wenngleich einige Fluggesellschaften diese Vorgaben in den letzten Jahren gelockert haben, gibt es bei den meisten Airlines immer noch strenge Vorgaben in Bezug auf Haarfarbe, Frisur, Accessoires und Make-up.

Lokführer sind ebenfalls vom Dresscode betroffen und damit nicht immer zufrieden. So trugen im Hochsommer 2013 einige schwedische Lokführer bei Temperaturen von rund 35 Grad Celsius aus Protest einen Rock statt ihrer üblichen Hose. Die Kleidervorschriften sahen nämlich ausschließlich lange Hosen vor – oder eben Röcke. Mit dieser Aktion konnten die Angestellten durchsetzen, dass kurze Hosen in den Dresscode aufgenommen wurden. In Deutschland verspricht zum Beispiel die Deutsche Bahn seit November 2022 mehr Diversität im Dresscode: Alle Mitarbeitenden können nun bei der Bestellung ihrer Uniform frei wählen, ob sie Artikel aus der Männer- oder Frauenkollektion tragen möchten.

INFO

Abmahnung oder Kündigung wegen nicht eingehaltenem Dresscode?

Tatsächlich sollten die arbeitsrechtlichen Vorschriften und der im Arbeitsvertrag festgehaltene Dresscode befolgt werden: Ignoriert ein Arbeitnehmer die Vorschriften, muss er mit einer Abmahnung rechnen. Wird trotz Abmahnung weiterhin nicht die vorgeschriebene Kleidung getragen, ist eine Kündigung möglich, da die arbeitsvertraglichen Pflichten verletzt werden. Das bestätigte das Arbeitsgericht Cottbus (AZ 6 Ca 1554/11). Voraussetzung ist immer, dass der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse daran hat, die Bekleidungsvorschrift anzuordnen.

Sind Tattoos und Piercings im Job erlaubt?

Neben Bekleidungsvorschriften kommt es in der Arbeitswelt immer wieder auch zu Diskussionen oder gar Streit über Tattoos oder Körperschmuck von Mitarbeitern oder Bewerbern. In Hinblick auf Piercings gilt: Der Arbeitgeber darf verlangen, dass ein sichtbares Piercing während der Arbeitszeit abgelegt wird – komplett verbieten darf er es allerdings nicht.

Anders sieht es bei Tattoos aus: Im öffentlichen Dienst gilt das Neutralitätsgebot, mit dem besonders große Tattoos oder Motive mit beispielsweise politischer Thematik nicht vereinbar sein können. Hier kann ein Tattoo also sogar einer Einstellung im Wege stehen.

In konservativen Branchen wie im Bank- und Finanzwesen, bei Flugunternehmen oder in der gehobenen Hotellerie und Gastronomie sind sichtbare Tattoos ebenfalls nicht gern gesehen. Sie sollten mit Kleidung bedeckt werden können. Im Vorstellungsgespräch ist die Frage, ob der Bewerber ein Tattoo trägt, dass er nicht oder nicht vollständig verdecken kann, zulässig – sie muss wahrheitsgemäß beantwortet werden.

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